8 Vertiefungstexte – Gott spricht uns an

 

Gott spricht uns an – Schritt 8

Alles, was wir erleben, beeindruckt und beeinflusst uns. (1) Wir sagen: „Das spricht mich an.“ (2) Dies kann nonverbal geschehen: „Die Himmel rühmen die Herrlichkeit Gottes, vom Werk seiner Hände kündet das Firmament. Ein Tag sagt es dem andern, eine Nacht tut es der andern kund, ohne Worte und ohne Reden, unhörbar bleibt ihre Stimme. Doch ihre Botschaft geht in die ganze Welt hinaus, ihre Kunde bis zu den Enden der Erde.“ (Ps 19,2-5)
Es kann aber auch beim Hören oder Lesen menschlicher Worte geschehen. Als Glaubende erfahren wir darin Gott, der uns anspricht und berühren will, in Verantwortung rufen, verwandeln. (3)

Der Hauptbegriff für „Wort Gottes“ in der hebräischen Bibel ist „dabar“ und bezeichnet die Wirksamkeit Gottes in der Welt in Wort und Tat, im Geschehen und Sich-Ereignen. Es ist „Tatwort, Geschichtswort, Ereigniswort, performatives Wort“ (Böttigheimer, 176). Gott spricht, indem er handelt.
Wir halten uns zurück, die Erfahrungen von Resonanz vorschnell als Botschaften Gottes zu deuten. Zunächst gilt es hinzuhören, was Ereignisse und Menschen als solche uns zu sagen haben.

Dann achten wir auf die Resonanz in uns selber: Synapsen, Assoziationen vernetzen das Erlebte mit bewussten und unbewussten Erfahrungen unserer Biographie, mit persönlichen, gemeinschaftlichen und biblischen Gotteserfahrungen. Im Hören und Unterscheiden der vielen Stimmen, der innerseelischen und denen der Außenwelt, wird die Stimme Gottes vernehmbar.
Er wartet auf unsere Antwort. Die Antwort des Herzens (4). Die Antwort des Handelns. (5)

zu 1:

Kentenich: „Gott will mir durch alle Dinge des Lebens etwas sagen. Ob ich jetzt meinetwegen in die Zeitung hineinschaue… wenn mir etwa in der seelischen Beratung irgendjemand etwas sagt, dann steckt dahinter die Überzeugung: der liebe Gott will mir auch durch den Fragesteller etwas sagen. Was in China passiert, das ist nicht nur für China interessant, das ist auch ein Sprechen Gottes zu mir.“
(Exerzitien für Schönstatt-Priester 1966, in: King, Gott des Lebens, 230)

zu 2:

Büchner: Ich nehme – nach Marion (s. 4.3) – „einen Ruf (l’appel)“ wahr, „der an mich … durch das mir sich Zeigende ergeht“ (Büchner S. 56), „den ‚Ruf‘, dessen Rufer unbekannt ist“, – nach Lévinas „den Anspruch des anderen“. (Büchner S. 341) Dieser Ruf „ist ein konkretes Geschehen…; er muss gehört werden, um eine Wirkung „‘hervorrufen‘ zu können“ (S. 125)

Neuerdings ist es der Soziologe Hartmut Rosa (Resonanz – Soziologie einer Weltbeziehung. Suhrkamp-Verlag. 2018), der mit dem Begriff „Resonanz“ ein neues „In-der-Welt-Sein“ beschreibt und versucht, „unsere Orientierung, unsere Welthaltung mehr auf ein Weltverhältnis des Hörens und Antwortens zu lenken und weniger auf das Beherrschen und Verfügen.“ (Rosa, SWR)

„Resonanz bedeutet, sich von der Welt berühren zu lassen. Etwas erreicht mich, bewegt mich, verändert mich, versetzt mich in Schwingung… Aber Resonanz bedeutet auch, ich habe auf etwas geantwortet, vielleicht mit einer Emotion (emovere = nach außen bewegen). Ich habe mich als selbstwirksam erfahren, indem ich diese Anrufung beantwortet habe… Wir können uns das gut in einem Gespräch vorstellen. Ein Gespräch kann ein toter Informationsaustausch sein, aber auch eine Resonanzbeziehung, in der mich das, was der andere sagt, wirklich berührt und ich umgekehrt den anderen durch meine Worte bewegen kann, so dass wir uns beide verändern.“ (Rosa, SWR)
„Resonanz ist eine Form von Beziehung, in der zwei Entitäten, manchmal zwei Menschen, manchmal ein Mensch und ein Ding, sich wechselseitig beeinflussen, dass sie aufeinander reagieren und sich so verändern.“ (Rosa, SWR)
„Resonanzbeziehungen sind immer zweiseitig. Ich will etwas erreichen, aber auch erreicht werden. Zwei Elemente sind miteinander in Resonanz, wenn sie fähig sind, sich in Schwingung zu versetzen und berühren zu lassen. Ich muss das Gefühl haben, dass mir etwas begegnet, dass ich … einen Anruf erfahre.“ (Rosa, Herder)
„Entfremdung ist, …  wenn alle Resonanzachsen verstummt sind und uns die Welt bleich, tot und leer erscheint und wir uns auch selbst als bleich, tot und leer erfahren. Dann vibriert der Resonanzdraht zur Welt nicht mehr. Auf resonante Weise verbunden zu sein bedeutet, so mit der Welt in Kontakt zu stehen, dass wir von außen erreicht und bewegt werden, aber auch in lebendiger Verbindung innerlich darauf antworten können. (Rosa, SWR)
„Es geht um die Idee, dass unser Leben nicht dort gelingt, wo wir immer mehr Ressourcen anhäufen, sondern dann, wenn wir auf die richtige Weise auf die Welt bezogen sind, d. h. wenn wir auf die richtige Weise mit den Menschen, mit den Dingen, mit der Natur, mit dem Raum, in dem wir leben, und mit uns selbst verbunden sind.“ (Rosa, SWR)
„An der Wurzel meines In-der-Welt-Seins herrscht eine Art antwortender Beziehung. Schon bevor ich da war und nachdem ich da sein werde, ist da etwas oder sogar jemand, das beziehungsweise der mich hört, sieht, meint und den Atem des Lebens einhaucht.“  (Rosa, Grundbedürfnis)

zu 3:

Oft benützt Kentenich „ein Wort des Augustinus, nutus dei, Zunicken Gottes. Gott grüßt mich, nickt mir zu, macht sich bemerkbar, versichert mir seine Anwesenheit und sein Interesse. Er tröstet, muntert auf, ermahnt, erinnert. Es sind äußere Geschehnisse, aber zugleich immer auch und zutiefst eine innere Erfahrung derselben, in denen sich Gott ganz persönlich gibt und aus sich herausgeht.“ (King, S. 31)

Der Hauptbegriff für „Wort Gottes“ ist in der hebräischen Bibel: „dabar“. Dabar bedeutet sowohl Wort als auch Sache, und zwar Sache im Sinne von „Angelegenheit, Vorfall, Begebenheit.“ (Ein dabar des Tages meint ein „Tagesereignis“, das mir etwas zu sagen hat.)
„Dabar Jahwe“ bezeichnet die Wirksamkeit Gottes in der Welt in Wort und Tat, im Geschehen und Sich-Ereignen (vgl. THAT, Band I, S. 435- 438).

Für die Bibel spricht Gott also nicht nur durch Worte, sondern auch durch Dinge und Begebenheiten. Gott spricht, indem er handelt.
Menschen fassen in Worte, was Gott durch ein Geschehen sagt. Das sind die Propheten. Sie bringen Gottes Handeln ins Wort. In menschliche Worte; dadurch werden menschliche Worte zu Gottes Wort.

Böttigheimer: „Ein von Gott gesprochenes Wort ist wahr und geschichtsmächtig und Ausdruck seines schöpferischen Handelns. Im Sinne des Alten Testaments ist das Wort Gottes mit Tat und Werk verbunden, es ist Tatwort, Geschichtswort, Ereigniswort, performatives Wort. Im Lautwerden von Gottes Schöpferwort, das selbst ein Heilswort ist, »geschieht, was er gesprochen, kommt zustande, was er befohlen«“ (S. 176, zitiert nach Heinrich Schlier, Wort, S. 846)

Wort und Tat (Geschehen) sind zwei Seiten derselben Münze. Das bedeutet: Das Geschehen in sich ist Sprechen Gottes. Ein Ereignis als solches ist eine Botschaft. Die Geschichte eines Menschen ist in sich eine Botschaft. Durch die Deutung wird eine Realität zum gesprochenen Wort Gottes.

Bausenhart: „Darin geht mir etwas auf, das ich zugleich als etwas erfahre, was mich angeht, mich persönlich meint, eine Herausforderung, die mich aber frei sein lässt, mich nicht zwingt, mich wohl aber schier unwiderstehlich lockt, weil ich sie wie eine Verheißung erlebe. Es ist, wie wenn ein Wort mich trifft, mich anspricht, mich auf ansprechende, d.h. attraktive, zugleich anspruchsvolle Weise anspricht, ein Wort, auf das ich selbst anspreche wie auf eine heilsame Arznei.“ (Bausenhart, Begegnung S. 27)

Raymund Schwager (SJ, 1935-2004, dogmat. und ökumen. Theologie) plädiert dafür, „den Anspruchscharakter von Geschichte (wieder) ernst zu nehmen“, „sich an diesem – durchaus irritierenden und provozierenden – Moment des Anspruchs (zu) orientieren, … am Anomalen, am Überraschenden, am Befremdenden, wie dies ja die biblische Heilsgeschichte bezeugt.“
In einem solchen „responsiven“ Geschichtsverständnis kommt dem Menschen „Responsivität zu“, „die Fähigkeit des Menschen, sich antwortend auf die Zumutung des Befremdenen zu verhalten. (Siebenrock, QD, 14)

Der Anspruchscharakter entspricht stark dem Denken Kentenichs, nach dem alles Geschehen in sich Sprechen, Ansprechen, Werben Gottes ist, das als Antwort das Mittun des Menschen hervorrufen möchte. vgl. Kentenichs betonter „aktiver“ Vorsehungsglaube. Er besteht darin, „in allen Schickungen und Fügungen, in Leid und Freude einen Gruß Gottes, seine Liebesgabe und sein Liebeswerben zu erblicken und mit Liebestaten zu beantworten.“ (Kentenich, Oktoberbrief S. 25)
Wie sehr Kentenich das „Anomale“ dieses Anspruchcharakters ernst nimmt, zeigt seine Deutung besonderer Ereignisse als „Einbruch, Aufbruch und Durchbruch des Göttlichen“ in der Geschichte.

„Es ist, wie eine mütterliche Freundin mir einmal sagte: > Wenn du in der Liebe bist, wird alles zu dir sprechen.<“ (Schleske, Herztöne, S 14)

zu 4:

King: „Und die Antwort des Menschen ist Dank, Freude, Zuversicht, Friede, Bitte, auch Reue. Gemeint ist der ganz einfache Vorgang der gegenseitigen Kontaktaufnahme.“ (King, S. 32)
Bernhardt: „Dankbarkeit für die Gestaltwerdungen der befreienden Liebe Gottes -, zum andern aber als Klage, prophetischer Protest und tätiges Engagement gegen das abgrundtief Sinnlose‘“. (Bernhardt, S. 462)

zu 5:

Kentenich: „Alles, was in unserem Leben geschieht, was ist das? Das ist eine Liebesgabe und ein Liebeswerben… Und was verlangt all das? Eine Liebesantwort.“ (King, S. 56)

 


Literatur:

Bausenhart, Guido: Von der Begegnung mit Gott: Materialheft GPS. Freiburg 2017.
Bernhardt
, Reinhold: Was heißt „Handeln Gottes“? Eine Rekonstruktion der Lehre von der Vorsehung. Gütersloh 1999.
Böttigheimer, Christoph: Wie handelt Gott in der Welt? Reflexionen im Spannungsfeld von Theologie und Naturwissenschaft. Freiburg / Basel / Wien 2013.
Büchner, Christine: Wie kann Gott in der Welt wirken? Überlegungen zu einer theologischen Hermeneutik des Sich-Gebens. Freiburg / Basel / Wien 2010.
Kentenich, Josef: Oktoberbrief 1949. Vallendar-Schönstatt 1970.
Kentenich, Josef, Exerzitien für den Verband der Schönstattpriester in Würzburg, 21.-25.11.1966.
King, Herbert, Gott des Lebens (Joseph Kentenich – Ein Durchblick in Texten, Nr. 7), Vallendar-Schönstatt 2010.
Rosa, Hartmut: SWR2 Manuskript 2016, siehe www.swr.de.
Rosa, Hartmut: Das Grundbedürfnis nach Religion wird bleiben. Ein Gespräch mit dem Soziologen Hartmut Rosa. In: Herder Korrespondenz 71 (2017), Heft 10, 17–20.
Schleske, Martin, Geigenbauer, Herztöne. Lauschen auf den Klang des Lebens, Asslar 2016.
Schlier, Heinrich, „Wort“, II Biblisch, in: Handbuch theologischer Grundbegriffe (HthG) II, S. 845-867.
Siebenrock, Roman, und Amor, Christoph J. (Hrsg.): Handeln Gottes. Beiträge zur aktuellen Debatte, Quaestiones Disputatae 262, Freiburg / Basel / Wien 2014.
Theologisches Handwörterbuch zum Alten Testament (THAT), hrsg. von Ernst Jenni, unter Mitarbeit von Claus Westermann, München 1978, Band I.


Foto: pixabay.com

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