21 Vertiefungstexte – Gibt es Kriterien

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21 Gibt es Kriterien? – Schritt 21

Gott bleibt oft unverständlich und missverstanden. Es gibt „Fehldeutungen, ja folgenschwere Fehlgriffe“ durch „Einbildung, kranke Wunschträume, Stolz, irregeleiteten Geltungs- und Größendrang“ (1).
Das macht Unterscheidungskriterien notwendig.

Die klassische ignatianische Unterscheidung der Geister (2)
Ein Handlungsimpuls, der nicht nur jetzt, sondern auch weiterhin ein Mehr an Trost auslöst, ist wahrscheinlich dem Geist Gottes zuzuschreiben. Trost meint Erfahrungen wie innere Harmonie, Gleichklang und Stimmigkeit, innere Freude, Freiheit, Mündigkeit, Friede und Lebensdynamik. Dies ist wiederum zu unterscheiden von einer unkritischen spirituellen Überhöhung individueller und sozialer Wohlbefindlichkeit.

Die Jesus-und Geistkriterien
Können wir in einem Ereignis oder einer Handlung das Wirken Jesu und seines Geistes wiedererkennen, wie es in der Bibel überliefert ist? Können wir darin eine Verwirklichung seines Gebotes der Selbst-, Gottes- und Nächstenliebe erkennen? (3)

Gemeinschaftliche Kriterien
Der Geist der Einheit spricht dort, wo jeder gehört wird, wo alle mitgehen können, nicht dort, wo sich Autoritäten, Meinungsführer und/oder die Mehrheit durchsetzen. Deshalb sollte bei wesentlichen Fragen, wenn trotz allen Bemühens verschiedene Standpunkte geblieben sind, vor einer Entscheidung gefragt werden: „Können alle die Entscheidung der Mehrheit mittragen?“
Gott spricht auch nicht selten durch Minderheiten oder prophetisch durch einzelne, die sich gegen den Mainstream stellen. Diese sollten ihre Standpunkte und Motive auch anhand dieser Kriterien selbstkritisch prüfen und eine kritische Überprüfung durch andere, auch durch die Autorität zulassen. Für lautere Motive spricht, wenn sie trotz anderer Überzeugungen ohne Groll an der Einheit mit den anderen festhalten.

Seelische Kriterien
Man könnte die unterschiedlichen (manchmal widerstreitenden) Regungen und Stimmen der eigenen Seele mit einer „Konferenz“ (5) vergleichen. Dabei geht es um einen Prozess mit dem Ziel, in den inneren Frieden des Herzens in Gott einzumünden. (6).

Kriterium „Geist der Zeit“ oder „Zeitgeist“
Nach J. Kentenich ist der Geist der Zeit die Absicht Gottes. Zeitgeist sind die negativen Bestrebungen. Aus diesen gilt es, den positiven Gehalt herauszuhören. (7)

Kriterium „Geöffnete Tür“
Da Kentenich sich primär auf das Handeln Gottes in „Sein, Zeit und Seele“ bezieht, ist sein Hauptkriterium, ob sich in den Realitäten Türen öffnen für das, was Gott mit uns vorzuhaben scheint. (vgl. 17 „geöffnete Türen“)

Wirkungsgeschichtliche Kriterien
Wo Gott handelt, da kann es geschehen, dass „mehr“ wurde, als von den menschlichen und innerweltlichen Faktoren her zu erwarten war. J. Kentenich bezeichnet das als „schöpferische Resultante“ (8). Die Wirkungsgeschichte eines Geschehens bestätigt, dass die handelnden Personen Mithandelnde Gottes und seiner Absichten waren.
Das Kriterium der geöffneten Tür „entschleiert uns den Willen Gottes“, die schöpferische Resultante „beweist uns, ob wir Gottes Wunsch und Willen getroffen haben.“ (9)


zu 1:

Kentenich: Das Lebensgeheimnis Schönstatts, in: King S. 505

zu 2:  Die klassische ignatianische Unterscheidung der Geister

Ignatius entwickelte „Regeln, um einigermaßen die verschiedenen Bewegungen zu erklären und zu erspüren, die in der Seele sich verursachen; die guten, um sie aufzunehmen, die schlechten, um sie zu verwerfen.“ Es ist „dem bösen Geiste eigen, zu beißen, traurig zu stimmen und Hindernisse zu legen, indem er mit falschen Gründen beunruhigt, damit man nicht weiter vorrücke“,
„dem guten Geist ist es eigen, Mut und Kraft, Tröstungen, Tränen, Einsprechungen und Ruhe zu geben, indem er alle Hindernisse leicht macht und weghebt, damit man im Tun des Guten weiter voranschreite.“
Folgt man dem guten Geist, so stellt sich in der Seele Trost ein. „Ich rede von Trost, wenn in der Seele eine innere Bewegung sich verursacht, bei welcher die Seele in Liebe zu ihrem Schöpfer und Herrn zu entbrennen beginnt“.
„Und endlich nenne ich Trost jede Zunahme von Hoffnung, Glaube und Liebe, und jede innere Freudigkeit, die … zu den himmlischen Dingen ruft und zieht und zum eigenen Heil seiner Seele“. (Ignatius von Loyola, Die Exerzitien, übertragen von Hans Urs von Balthasar, S. 99-106,108f)

Eine ausführliche und leicht verständliche Darstellung und Anleitung zu sieben Schritten geben Peter Hundertmark, Johann Spermann SJ, Tobias Zimmermann SJ in: Unterscheidung der Geister
daraus:
„Ich frage mich also: Was regt sich da in mir – oder besser: wohin ruft mich welcher Geist? Egal welchen Ursprungs sie sind: Alle inneren Regungen können mich zu einer guten Entscheidung bringen. Die einen helfen mir, indem ich sie annehme und pflege, die anderen, indem ich sie abweise, überwinde oder in Geduld aushalte.“

  • – Ich unterscheide, „ob die Mittel, die ich gerade überdenke, mein Leben und das der Menschen, mit denen ich zu tun habe, besser machen – oder nicht.“
  • – Ich frage, „was mehr dem Geist Gottes und seinem Wirkenwollen jetzt und hier entspricht.“

weitere hilfreiche Fragen:

  • – „Was liegt in der Linie von wichtigen Entscheidungen, die ich bisher getroffen habe? Was fügt sich in den Rahmen meiner Aufgaben? Wie würde Jesus oder eine mir wichtige Person entscheiden?“
  • – „Worin drückt sich Liebe aus und worin wird sie gestärkt?“
  • – „Wo öffnet sich mein Herz zu mehr Hoffnung, Glaube und Liebe, obwohl der Weg vielleicht schwieriger ist?“

„Nur im Gebet können die Geister unterschieden werden.“
Die Regeln der Unterscheidung – von Ignatius für einzelne entwickelt, lassen sich „auch auf kirchliche Gruppen, Gemeinden, diözesane Gremien usw. übertragen“
Das Grundkriterium ist für Ignatius das Eintreten des „Trostes“: „Ein Handlungsimpuls, der nicht nur jetzt, sondern auch in mittelfristiger und langfristiger Perspektive ein Mehr an Trost auslöst, ist wahrscheinlich dem Geist Gottes zuzuschreiben.“
„‘Trost‘ hat zu tun mit innerer Harmonie, Gleichklang und innerer Stimmigkeit – er gibt mir mehr innere Freude, Freiheit, Mündigkeit, Friede und Lebensdynamik.“

Um dieses Kriterium niederschwellig in der pastoralen Praxis zu vermitteln, banalisiert man es häufig zu einem Sich-Wohlfühlen.
Hier gilt, was Reinhold Bernhardt bereits zum anspruchsvolleren Kriterium des „gelingenden Lebens“ sagt, „dass die „eigene Lebensförderung allzuoft mit der Lebenshemmung anderer zusammenhängt.“
Zum anderen besteht die Gefahr, „das göttliche Wirken einseitig auf die positive – eben ‚gelingende‘ – Seite des Lebens zu verrechnen.“ Auch wenn man „eine allzu unkritische theologische Überhöhung individueller und sozialer Wohlbefindlichkeit“ meidet, haftet dem doch „eine Neigung zum aufklärerischen Perfektibilisierungsoptimismus an. Demgegenüber ist daran zu erinnern, dass Gottes Wirken ebensosehr auf das mißlingende Leben hin auszulegen ist. Dabei muss und darf nicht das Mißlingen als solches dem Handeln Gottes zugeschrieben werden, wohl aber gilt es, die Präsenz Gottes auch im Mißlingen zuzusprechen und zu vergewissern – auch gegen den Augenschein. Diese Gewissheit steht der Erfahrung des Scheiterns, der Zerstörung und der Sinnlosigkeit zunächst unvermittelt entgegen, doch gibt sie der Hoffnung Grund, daß aus dieser Erfahrung Sinnstiftung und Neuschöpfung erwachsen kann, wenn dies auch oft nur retrospektiv und langfristig erkennbar wird.“ (S. 448f)

zu 3: Die Jesus-und Geistkriterien

JESUS

Kessler: Es ist „für den Christen das entscheidende Kriterium für die Erkenntnis von Gottes Handeln in der Geschichte überhaupt: die Konformität mit Jesu Handeln des Sich-selbst-Überschreitens auf Gott und die Anderen zu in uneigennütziger und unbeschränkter Solidarität oder – neutestamentlich gesprochen – in Agape. >Die Agape stammt aus Gott< (1 Joh 4,7), und: >Ubi caritas, ibi deus est – et agit<. Überall dort in der Welt , wo Menschen das möglich wird, wozu sie von Haus aus nicht neigen, nämlich nicht egoistisch bei sich zu bleiben, sondern sich zu übersteigen und Menschen für andere zu werden, handelt Gott durch Menschen. Das ist der intentionale Kern dessen, was Handeln Gottes heißen darf. Und von hier aus fällt Licht auf die vielfältigen Gestalten und Dimensionen des Handelns Gottes.“ (Hans Kessler, zitiert von Bernhardt S. 408)
“Ubi caritas, ibi deus est – et agit” – Wo Liebe, da ist Gott – und handelt.

Der GEIST

Stosch: Auch wenn es problematisch ist, „anhand einer genauen Kriteriologie die Wirkung des guten Geistes Gottes feststellen zu wollen, gibt es doch eine Reihe von bereits biblisch bezeugten Früchten des Geistes, die in der Regel dessen Wirkung anzeigen. Neben den bereits ausgeführten Gaben der Weisheit, Erkenntnis, Freiheit und Liebe nennt Paulus noch folgende Früchte des Heiligen Geistes: ‚Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung‘ (Gal 5,22f) sowie Glaubenskraft, Heilung von Krankheiten, Wunderkräfte, prophetische Rede, Fähigkeit zur Unterscheidung der Geister, Zungenrede und ihre Deutung (vgl. 1 Kor 12,9f). Außerdem schenkt der Geist der paulinischen Tradition zufolge ‚Kraft und Stärke‘ (Eph 3,16).Als Kriterium dafür, ob die genannten Eigenschaften tatsächlich Früchte des Geistes darstellen, kann man überlegen, ob sie einem einzelnen Menschen auf eine Art zukommen, die andere herabsetzt, oder ob sie in eine auf Gemeinschaft angelegte Dynamik eingebettet sind. Denn nur, wenn sie auf eine Form von Gemeinschaft angelegt sind, die durch ihre Bezugnahme auf die jedem unbedingt geschenkte Zusage im Logos universale Einheit in Verschiedenheit anzielt, können sie Wirkung des Geistes des trinitarischen Gottes sein.“ „Mit dem zuletzt genannten Punkt nehmen wir die paulinische Kriteriologie auf, derzufolge das Bekenntnis zu Christus und die Auferbauung der Gemeinde die beiden entscheidenden Kriterien zur Unterscheidung der Geister darstellen. Formalisiert man diese Kriterien, so ergibt sich einerseits das Vertrauen in die jedem Menschen geltende, unbedingte Zusage Gottes und andererseits die Ermöglichung von Gemeinschaft in Verschiedenheit als Kennzeichen der Wirkung des Geistes. Überall dort, wo Liebe solche Gemeinschaft ermöglicht, ist der Geist Gottes am Werk und die Herrschaft Christi auch ohne explizite Bezugnahme auf ihn verwirklicht.“ (Gott – Macht S. 385)

WORT und GEIST

Stosch:„Nach patristischer Offenbarungsperspektive gilt, dass „der eine Gott, wie Irenäus sagt, seine eigenen Hände, d.h. Sohn und Geist, die ständig bei ihm sind, nach der Welt ausstreckt‘226. In der Tradition der Ostkirche wird in einer ganz ähnlichen Denkbewegung die Zusammengehörigkeit von Logos und Geist dadurch verdeutlicht, dass der Heilige Geist als Atem bzw. Hauch Gottes verstanden wird, der das Wort Gottes begleitet und unablösbar mit ihm verbunden ist. Ohne den Atem bleibt das Wort unhörbar, das Wort bekommt Stimme und Hörbarkeit durch den Atem. Ohne Wort bliebe ein Atem aber inhaltsleer, und so sind Wort und Atem aufeinander bezogen.“227 (Gott – Macht S. 390f)
(Vgl. J. Wohlmuth, Trinität, S. 42; E. Discherl, Der Atem des sprechenden Gottes, S. 87)

„Der Geist ruft also in die Nachfolge Christi und ermutigt so dazu, mit dem eigenen Leben Zeugnis für das allumfassende, allen Menschen geltende Zusagewort Gottes zu geben. Ohne geistgewirkte Nachfolgepraxis bleibt das Zusagewort Gottes im Logos unhörbar; es erhält Konturen erst im Tun der vom Geist Ergriffenen. Ohne die Orientierung am Logos bliebe die Geistwirkung unbestimmt und inhaltsleer. So sind Logos und Geist wechselseitig aufeinander bezogen.“ (a.a.O. S. 391)

zu 5:

Man spricht auch vom „inneren Team“: „Wohl jeder kennt das Phänomen, dass unsere innere Reaktion auf einen Menschen, auf ein Ereignis, auf eine anstehende Entscheidung nicht einheitlich und klar ist, sondern gemischt, undeutlich, vielfältig, schwankend, hin- und hergerissen.“ „Dass es viele gibt, die in uns mit Sitz und Stimme vertreten sind, und dass sie miteinander, gegeneinander und durcheinander arbeiten – wie normale Teams auch.“ (Friedemann Schulz von Thun, Miteinander reden 3, S. 21 und 18)

zu 6:

vgl. die Erfahrung des „Trostes“ in der ignatianischen Unterscheidung der Geister

zu 7:

Kentenich: Der Zeitgeist, das sind „die negativen Bestrebungen im Raume der Zeit.“ Wir „lernen, den positiven Gehalt herauszuhören“; das ist der Geist der Zeit. „Zeitgeist ist also das Negative, Geist der Zeit ist die Absicht Gottes.“ (Romvorträge 1965, in: King S. 508)

Von sich persönlich sagt Kentenich: Meine Aufgabe bestand darin, „feinhörig und aufgeschlossen hineinzulauschen, die Zeitsignale auf ihren göttlichen Charakter zu überprüfen und das Ergebnis zu einen und auf letzte metaphysische Prinzipien zurückzustraffen und diese sodann als göttliche Planung zur unentwegten Norm meines Lebens und Strebens zu machen, auch dann, wenn es galt, auf der ganzen Linie gegen den Strom zu schwimmen.“ (Studie 1960, in: King S. 516)

zu 8:

Kentenich: „Wundt spricht in seiner mehrbändigen physiologischen Psychologie vom Prinzip der schöpferischen Resultante. … Er will damit sagen, daß jede seelische Tätigkeit von der einfachsten Anschauung und Auffassung bis zum verwickeltsten Urteil und Willensentschluß und bis zur kraftvollsten Tat den einzelnen konstituierenden Elementen gegenüber einen Überschuß enthält, der nicht in den Komponenten enthalten ist. Füglich – so schlußfolgert er – muß die Resultante mehr sein als die Summe der Komponenten. Sie muß die Wirkung eines schöpferischen Prinzips mit schöpferischer Tätigkeit sein. Damit wollte er vorsichtig auf die geistige Seele und ihre schöpferische Kraft hinweisen.

Diese schöpferische Resultante lässt sich sinngemäß ohne weiteres auf das Weltgeschehen, auf Sein und Wirken eines jeden Menschen, vornehmlich großer Führerpersönlichkeiten, anwenden. Nur müssen wir nach dem Gesetz des hinreichenden Grundes hinter schöpferischer Resultante nicht die menschliche Seele, sondern den lebendigen Gott erblicken, der die gestaltenden Faktoren der Persönlichkeit und Geschichte bestimmt, fügt und ordnet…

Mommsen gestand bei Gelegenheit dem katholischen Kirchenhistoriker Franz Xaver Kraus, er habe sich nicht an den 4. Band seiner berühmten römischen Geschichte gewagt, weil die nicht zu leugnende außergewöhnliche Wandlungskraft, womit das Christentum die tausendjährige römische Kultur durchdrungen und umgestaltet, sich nicht auf seine Geschichtskategorien zurückführen ließe. Es fiel ihm offenbar zu schwer, die schöpferische Resultante auf den Einbruch des Göttlichen und Ewigen in das Irdische und Zeitliche – in die römische Geschichte – zurückzuführen…
Wie in der Geschichte, so lässt sich diese schöpferische Resultante in jedem edlen Christenleben verfolgen. Sie tritt uns darin entgegen bei Überprüfung der besagten mitformenden Faktoren…

Wie bei großen Menschen tritt nicht selten die schöpferische Resultante bei außergewöhnlichen Ereignissen so klar in Erscheinung, daß jedermann sich demütig davor beugt. Das ist dann besonders der Fall, wenn es sich um Rettung aus großen Gefahren handelt, aus denen es menschlich gesprochen kein Entrinnen mehr gab, oder um außerordentliche, greifbare Erfolge.
Es mag ferner vorkommen, daß man unter der Qual unerwarteter Unglücksfälle Gottes wuchtende, aber auch geheimnisvoll segnende Hand deutlich spürt. (Oktoberbrief 1949. S. 33-35)

Drei Konstellationen, in denen das „Mehr“ sich zeigt, nennt Kentenich also in diesem Zusammenhang:

  • große Persönlichkeiten, aber auch Sein und Wirken eines jeden Menschen,
  • das Weltgeschehen, insbesondere außergewöhnliche Ereignisse,
  • unerwartete Unglücksfälle.

Béla Weissmahr: “Selbstüberbietung des Seienden”
Es ist „eigentlich selbstverständlich, daß jedes Wirken jedes Seienden etwas Neues, Ursprüngliches, eine ‚Seinszunahme‘ erzeugt, etwas, das Ergebnis einer ‚‘Selbstüberbietung‘ ist, da es innerweltlich nur auf das Selbst des Wirkenden, nicht aber auf ein anderes Geschöpf zurückgeführt werden kann.“ ( Gibt es von Gott gewirkte Wunder?, in StZ 191, 1973, S. 55 – Alle Zitate aus: Böttigheimer S. 264-266 )

„Diese mit den Seienden der Welt nicht zu identifizierende, ‚transzendente‘, zugleich aber die ganze Welt durchwaltende, in ihr anwesende, ‚immanente‘ absolute Wirklichkeit, die die Bedingung dafür ist, dass es Selbstüberbietung und Evolution überhaupt geben kann, nennen wir Gott.“ (Ders. Philosophische Gotteslehre, 1994, S. 93)

„Weil vom Geschöpf her Unvorhergesehenes möglich ist, kann Gott, obwohl sein Handeln in der Welt immer durch geschöpfliche Tätigkeit vermittelt ist, Unvorhergesehenes hervorbringen und sich damit als freier Herr der Welt erweisen. Oder mit anderen Worten: Gott vermag zwar in der Welt nur durch geschöpfliche Kräfte zu wirken, doch kann er unerwartete, vom Vorhandenen unableitbare Ereignisse in der Welt hervorbringen, weil von innerweltlichen Ursachen her stets mehr möglich ist, als was naturwissenschaftlich grundsätzlich erkennbar bzw. berechenbar ist.“ (Ders. Gibt es von Gott gewirkte Wunder? S. 56)

Ein Wunder wäre demnach „ein außergewöhnliches, unser Vorverständnis in Bezug auf das innerweltlich Mögliche gleichsam sprengendes Ereignis, durch welches der transzendente Gott mittels der eigenen, zum Hervorbringen auch von Neuem und Unvorhergesehenem fähigen Kräfte des Geschöpfes, d.h. weltimmanent wirkend, auf unerwartete Weise innerweltliche Rettung oder irdischen Heil dem Menschen schenkt und somit seine persönliche, auf unbedingtes Heil ausgerichtet Liebe zeichenhaft in der Materialität der Welt zum Ausdruck bringt.“ (Ders. Gottes Wirken in der Welt, Freiburg 1997, S. 42)

G. Greshake: Gottes guter Geist führt hinein in eine Dynamik des Sich-Überschreitens, die eine „Identität des Über-Hinaus, ein göttliches Je-mehr, eine Steigerung, Überraschung, ein(en) Überschwang“ ermöglicht. Ziel dieser transzendierenden Bewegung ist die Überwindung aller lebenshindernden Grenzen und die Etablierung umfassender Communio, in der wohltuende Verschiedenheit Einheit ermöglicht. (Der dreieine Gott S. 212; entnommen: Stosch, Gott – Macht S. 384)

Meiner Erachtens ist das „Mehr“ auch in Karl Rahners Konzeption von der transzendentalen Ursächlichkeit Gottes zu finden: in der Selbstüberschreitung endlicher Seiender. Denn sie besagt, dass Gottes Wirken “nicht etwas wirkt, was das Geschöpf nicht wirkt, weil es nicht neben dem Wirken des Geschöpfes wirkt, sondern das seine Möglichkeiten überbietende und überschreitende Wirken des Geschöpfes wirkt.” (Rahner, Die Hominisation als theologische Frage, S. 83 f.)

„In dieser Bewegung des Sich-selbst-Überschreitens des Geschöpfes ist die kreative, freisetzende und innovatorische Kraft des transzendentalen Grundes allen Seins besonders deutlich präsent, … ohne dass diese transzendentale Grundbestimmung deswegen bei anderen Ereignissen weniger deutlich ausgeprägt zu sein braucht.“ (Stosch, Gott – Macht, S. 73f)

Deutlicher wird Kessler: Er zeigt, dass Menschen „durch Gottes Urheberschaft und Kraft zu einer Wirkung erhoben werden, welche ihre eigenen Fähigkeiten übersteigt und doch ihre eigene Wirkung ist“. (Kessler S. 294)
Störend und einladend sind solche Erfahrungen (bei Kessler auf Jesu Auferstehung bezogen); „störend, weil es unsere gewohnten, plausiblen Erfahrungs- und Handlungszusammenhänge unterbricht und aufbricht; einladend, weil es ein Mehr an Wirklichkeit zuspricht, das unsere bisherige Welt erweitert und neu orientiert, und uns zum Wagnis und Weg des Glaubens ermutigt.“ (S. 276)

Zunächst scheint die „schöpferische Resultante“ etwas sehr Spezielles bei Kentenich zu sein. Befasst man sich aber näher damit, so stellt sich die Frage, ob hier nicht das Eigentliche des Geschichtshandelns Gottes getroffen ist.
„Allein die Unterscheidung von causa prima und causae secundae reicht also nicht aus, um die Geschichtsbezogenheit und Wirkmacht Gottes angemessen denken zu können.“ (Böttigheimer S. 188) „Hier geht es … nicht mehr nur um ein Wirken der geschöpflich-menschlichen Akteure aus eigener Initiative und Kraft und im Rahmen eigener kreatürlicher Möglichkeiten … Hier geht es darüber hinaus darum, dass die menschlichen Akteure, sich Gott frei überantwortend, durch Gottes … Urheberschaft und Kraft in ihrem Eigenwirken nun als >Instrumentalursache< … zu einer Wirkung erhoben werden, welche ihre eigenen Fähigkeiten übersteigt und doch ihre eigne Wirkung ist.“ (Kessler, Den verborgenen Gott suchen. In: Böttigheimer S. 188) Hier kommt nun doch wieder die (bei den hier zitierten Theologen wegen Nichtberücksichtigung der Freiheit eher verpönte) Werkzeugsvorstellung zur Sprache.

„Es lassen sich gewichtige Gründe dafür ins Feld führen, … von einem Handeln oder Wirken Gottes auf instrumentaler Ebene zu sprechen, bei dem dieser mit dem freien Subjekt so interagiert, dass dieses zur Umsetzung von Gottes Grundintention befreiender Anerkennung und Würdigung befähigt wird.“ (Stosch, Gott – Macht S. 171)

Deshalb ist „von einer Interaktion Gottes mit dem Menschen auszugehen, bei der sich der Mensch von Gottes Geist und Liebe ergriffen weiß und sich ganz bewusst in den Dienst des göttlichen Willens stellen lässt.“ (Böttigheimer S. 188)

„Das durch Menschen vermittelte Geistwirken Gottes ist also ein geschichtswirksames Handeln; es verändert nicht nur den einzelnen Menschen, sondern durch ihn auch das gesamte Weltgefüge.“ (Böttigheimer S. 189)

Hierher gehört das unter 25: „Gestalten und Gestalter der Liebe“ Ausgeführte.

Bausenhart: Die Rede von der schöpferischen Resultante darf nicht missverstanden werden als „die Vorstellung, dass eine nicht zu erwartende Wendung auf einen göttlichen Impuls zurückgeführt wird, weil sie nicht aus den Möglichkeiten der bis dahin wirkenden Faktoren erklärt werden kann. Diese Denkform bringt das ganz und gar außergewöhnliche Göttliche als einen ganz und gar gewöhnlichen Faktor neben anderen empirischen Faktoren ins Spiel. Soll Gott in seinem Handeln in der Welt und am Menschen als Gott handeln, muss seine Transzendenz gegenüber der Welt und dem Menschen auch in seinem Handeln gewahrt bleiben.“ (Bausenhard, Begegnung S. 25)

Der göttliche „Faktor“ wirkt nach Bausenhart in der Weise der Ermächtigung: „Was außerhalb menschlicher Möglichkeiten liegt, dazu muss der Mensch erst ermächtigt werden. … Die Theologie sieht darin das Wirken des Heiligen Geistes. “ (Bausenhard, Begegnung S.26)

Intensiv setzt sich Bernhardt mit geistgewirkten Prozessen auseinander – allerdings so, dass dieses Phänomen m.E. nicht mehr so leicht als Kriterium in unserem Zusammenhang dienen kann. Bernhard denkt die Wirksamkeint Gottes im Modell eines Kraftfeldes: „als Ausstrahlung einer realen Transformationsenergie, die Leben schafft, erhält und auf Vollendung ausrichtet, die menschliche Existenz verwandelt und Einfluss auf die Handlungsorientierung nimmt.“ (S. 400) Heilshafte „Ereignisse, Prozesse und Zustände“ verdanken sich „einem >pneumatokinetischen< Formations- bzw. Transformationsprozeß, der sich im geistigen Einflussfeld der heilshaften Vorsehung Gottes vollzieht.
Innerhalb des Kraftfeldes kann der von Gottes Geist ausgehende Impuls nicht als exklusive, in der Regel noch nicht einmal als hinreichende -, sondern nur als notwendige Bedingung der Entstehung eines Ereignisses aufgefaßt werden. Es geht aus einer Vielzahl notwendiger Bedingungen hervor, die erst in ihrem Zusammenwirken die hinreichende Bedingung ausmachen. Die unterschiedlichen Attraktoren wirken dabei nicht in einer Resultanten zusammen, die dann dem jeweiligen Ereignis seine Gestalt gäbe. Sie überlagern sich vielmehr in einem heterogenen Feld, in dem sich die wirklichwerdenden Erscheinungen formieren. So sehr die von Gott ausgehende Kraftwirkung als notwendige Bedingung in diesem Feld von anderen Wirkfaktoren qualitativ unterschieden ist und als Matrix des Feldes angesehen werden kann, so bildet sie doch nicht per se die dominierende Wirkmacht. Siefungiert nicht als zwingende Ursache, sondern als Einfluß und Impuls, der bestimmte Strukturen, Entscheidungen und Handlungen >vorsieht< (nicht im Sinne von >vorhersieht< oder >vorherbestimmt<) und anstrebt“. (S. 408 – 409)

Interessante Parallelen zur „schöpferischen Resultante“ verfolgt Jörg Lauster durch die gesamte Kulturgeschichte des Christentums:
Ein Mehr – ein schöpferischer Überschuss – eine Transformation – die Autorität des Heiligen – Spuren göttlicher Transzendenz – Verzauberung der Welt –
Begriffe, mit denen Jörg Lauster diesem Phänomen durch die gesamte Kulturgeschichte des Christentums nachgeht:

  • beim Übergang vom historischen Jesus zum Christus des Glaubens:
    „Zwischen Jesus und dem Christentum liegt ein >Mehr< , ein unfassbarer Überschuss, der die Person Jesu in einem anderen Licht erscheinen lässt. Das Geheimnis des Anfangs ist die Transformation der Person Jesu zu Christus. Die Geschichte des Christentums lebt von dieser Transformation, sie ist als Ganzes der fortgesetzte Versuch, mit allen kulturellen Ausdrucksformen die Spannung zwischen dem historischen Jesus und dem Christus des Christentums zu halten. Dies ist eine Aufgabe, mit der Christentum in seiner Geschichte nie fertig werden kann.“ (Lauster S. 35)
  • Im frühen Christentum: „Die treibende Kraft in der Gestaltwerdung des frühen Christentums ist die Autorität des Heiligen. Das Christusereignis ergriff die Menschen zutiefst als ein Einbruch göttlicher Transzendenz. Sie erfuhren darin etwas, das größer, unfassbarer, mächtiger war, als sie selbst es hätten ersinnen können, und das sich mit Autorität in ihnen Bahn brach… Die Erfahrung des Heiligen musste sichtbar und mitteilbar gemacht werden. Um Gestalt zu gewinnen, musste sich das frühe Christentum vorhandener Kulturformen bedienen.“ (S. 38f. Den Begriff „Autorität des Heiligen“ übernimmt Lauster von Harnack, Wesen S. 54)
  • bei der „Ausbreitung des Christentums wirken Menschen mit, aber es sind letztlich nicht sie, sondern es ist die hinter ihnen liegende und nur durch sie zum Vorschein kommende Autorität des Heiligen, die dem Christentum nach dem Zeugnis des Lukas eine offensichtlich unwiderstehliche Anziehungskraft verleiht.“ (S. 43)
  • Diesen „roten Faden“ verfolgt Lauster auf 617 Seiten bis in die Gegenwart, um festzustellen: Es gibt in der Moderne „eine Reihe von Versuchen, die großen Themen der Religion in eine verwandelte, neue Gestalt des Christentums und christlicher Weltorientierung zu überführen.“ (616) „Das Christentum ist mehr als sein Dogma, und es ist auch mehr als die Institutionen, die es hervorgebracht hat.“ Die Kulturgeschichte des Christentums ist „als eine fortwährende Anreicherung in dem Versuch zu begreifen, den Überschuss des christlichen Welterlebens kulturell zu artikulieren und als Verzauberung der Welt weiterzugeben.“ (S. 617)

Der letzte Satz des Buches: „Das Christentum ist die Fülle seiner Erscheinungsformen – und es ist noch viel mehr als das.“ (S. 617)

zu 9:

Kentenich, in: King S. 447


Literatur:

Bausenhart, Guido: Von der Begegnung mit Gott: Materialheft GPS. Freiburg 2017.
Bernhardt, Reinhold: Was heißt „Handeln Gottes“? Eine Rekonstruktion der Lehre von der Vorsehung. Gütersloh 1999.
Böttigheimer, Christoph: Wie handelt Gott in der Welt? Reflexionen im Spannungsfeld von Theologie und Naturwissenschaft. Freiburg / Basel / Wien 2013.
Kentenich, Josef: Oktoberbrief 1949. Vallendar-Schönstatt 1970.
Kessler, Hans: Sucht den Lebenden nicht bei den Toten. Würzburg 1995.
King, Herbert, Gott des Lebens (Joseph Kentenich – Ein Durchblick in Texten, Nr. 7), Vallendar-Schönstatt 2010.
Lauster, Jörg: Die Verzauberung der Welt. München 2014.
Schulz von Thun, Friedemann: Miteinander reden, Band 3: Das „Innere Team“ und situationsgerechte Kommunikation. Reinbek 1998.
von Stosch, Klaus: Gott – Macht – Geschichte. Versuch einer theodizeesensiblen Rede vom Handeln Gottes in der Welt. Freiburg / Basel / Wien 2006.

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